Grenzballade – (Fassung vom 20.7.2022) Für Elisabetha

  • Unbarmherzig flimmernde, unermüdlich nach-flimmernde Hitze. Staub. Ermattung.



    Hitze.



    Anhaltende monotone Marschlaute. Fernes, leises Gelächter aus den hinteren Reihen; metallisches Klappern; Aufschlag des schweren Schuhwerkes; die Rhythmen kommend und gehend. Menschen wie gestreckte staubige Schatten, Schatten und Menschen, Soldaten und Schatten...


    Die Hitze wird mich noch einschläfern. Die Hitze des späten Nachmittags, den Staub durch-anreichernd, gedehnt in der Zeit, stumpf, überwältigend. Noch presse ich mich in die Bügel, versuch mich in Haltung; an Mathilde mich stützend. Sie tänzelt, ist munter geblieben. Ich spüre ihren Bauch, ihre Muskeln; rieche betört ihren Schweiß. Wund und platt meine Hoden.


    Unermüdet wie durch einen Zauber Danilo voran vor mir stapft; wackelt dabei auf und ab mit seinem feisten dreiß'gjährigen Arsch. Er weiß, ich starr' ihn unverwandt an; dösiger Hauptmann, verirrt in der Weite. Gänzlich verirrt...



    Komm Abend, komm. Komm Abend, komm endlich, komm. Komm Abend, komm...



    Denn abends verführerisch schimmert der Staub, bricht und bricht er das Licht; nicht mehr schwebt über allem der grausame Tod.



    Müde, sehr müde nun muten, nachdenklich, meine Kroaten an, summen eine getragene Weise. Ihre Bartwichse rieche ich in Wellen animalisch; lasse mich mehr und mehr einfangen von ihren langsamen, verdreckten Bewegungen; folge ihnen dumpf; reitender Sack auf nervigem Pferd; weiter vorwärts rhythmisch schlafwandelnd und murmelnd die Kompanie; ein schütterer Erst-Hauch von Einkehr-Erinnerung, beinah von Frieden ein Schein...



    Doch hektisch, ungleichmäßig und heftig schlagen erneut an-gegen der Russen Kanonen; zunächst noch weit weg ihre Einschläge, West-Nordwesten vielleicht, Richtung der Dnjepr, des fernen Gewässers.


    Abrupt zerreißt das Vesperlicht, zerreißt dabei doch der Bann; die Luft schlägt jetzt um, säuerlich werdend und zittriger; der Staub schimmert nun fahrig; bedrohlich sein Schimmer.



    Vor mir erbeben die Reihen, schaukeln in fiebrigen Wellen, denn brüllend donnert sich Tod uns heran, will uns abmähen.



    Die Falbe bockt, zerrt.


    Doch eben zurück, von links, melden sich jetzt die Regimentshaubitzen der Monarchie. Regelmäßig, sonorer, wummernd und fest.


    Skandieren einen feschen Gesang:


    „Felix Austria, gehst du unter,


    greises Austria, gehst du unter,


    Austria, uns Austria, Austria,


    Gott beschütze Franz den Kaiser,


    stolz braun-gelb die Fahnen,


    bumm, bumm, bumm,


    seht welch ein Abgang!“



    Später flüstert mir Danilo zu, in deren eigenen fickrigen Dialekt palaverten schon lange die Triester an der Kolonnenspitze komplett auf Desertion. Wie werde ich denn mich dazu verhalten, mit meinem trist besternten Kragen in Verstoß geraten in dieser mich verzehrenden Steppe? Ob sie gar meinen ragusanen Träumer mitzuschleppen gedenken?



    Ja, ja, in Ragusa..., jene Zeit... damals…



    Noch trugen damals des Kaisers Röcke bunteste Farben oder gleißendes Weiß in der Sonne Dalmatiens, noch läuteten Glocken katholisch und nicht für das Siegen, noch stieg ich dem jungen Danilo beharrlich mit süßestem Äuglein und klopfendem Herzen nach, noch bargen die Sommer die Früchte der Lust, des träumenden Küssens, der sanften Zephir-Winde der Küste auf unserer nackigen Haut. Ich umarmte den Jungen, rieb meine Nase an seiner, tauchte in das Augen-Braune, jenseits der Zeiten, Abfolgen und Pflichten hinab; horchte auflachen, lachte mit ihm, mich wälzte mit ihm, und vergaß, bis als er schrie, er komme, er komme... Ja, ich hab' seine Backen liebkost und benetzt, bin nach Jeruschalaim damals gestiegen. In Ragusa die Zeit, die Sommer gemeinsam, aufwachsend vertrauend, die Sommer der Freude, des Blinzelns und Stillens.



    In Ragusa die Zeit; dalmatinische, so ferne, die Sommer...



    Wummer! Wummer!


    Ehre und Staub,


    alles umsonst,


    Wummer! Wummer!


    Austria setzt sich heute hart durch,


    Morgenthaler, der ewige Oberst,


    und unser Polacke-Major, Herr der Kanonen,


    triangeln wieder manöverperfekt;


    noch ist das Regiment schwermütig intakt,


    braun-gelb, rot-weiß-rot die Fahnen...



    Aus der Nachhut aufgeregt schließt auf Pawlak die Klette, sein Wallach stets wie immer etwas nach links zu-zappelnd. Pawlaks freudloser Seehundsbart zittert dienst-eifrigst. „Melde Herrn Hauptmann gehorsamst, Mannschaft und Lage klaß vortrefflich, Aufmarsch in Reihe!“


    Vom Leben die Dumpfbacke kriegt gar nichts mit. Woche für Woche laß ich ihn grausam unnachgiebig belobigen öffentlich. Ihn freut es ja...


    „Arg recht liegt er, Stabswachtmeister, weitermachen!“ winke ihm gnädig graziös mit meinem schmuddeligen Handschuh zu wie weiland Ludwig Capet der Geköpfte seinem getreuen Peuple entgegen. Übermütig beschwingt sprintet mir Seehund zurück. Mit etwas Glück wird er das Genick sich brechen; dann gibt es für die ganze Kompanie Belobigung und zum Nachtisch endlich fix eingerexte Pfirsiche.


    Das einzig bislang Geglückte aber an diesen endlosen zwei Jahren Krieg sind Danilos salzige Adria-Arschbacken und die melancholischen Märchen, die traurige Weisheit, der lebende Witz Morgenthalers gewesen; beide einzige Anzeichen SEines, des angeblichen HErrn allen Geistes, sehr, sehr sporadischen Streifens durch unser' Einöde...



    Das Belfern der Zarengeschütze bröckelt zäh ab; dessen strenggläubigen Artilleristen schicken sich wohl wieder strebsam in die Flucht oder Meuterei oder Plünderung oder alles zusammen an. Morgen werden die Kosaken ihre blutige Spur unter sie säen, der Barmherzigkeit des Groß-Zaren unerbittliche Geltung verschaffend, die umliegenden ukrainischen Dörfer herzlos verwüstend.


    Dem verstärkten k.u.k. Infanterieregiment Nr.20 hat solches sinn-verlorenes Wüten manchen Weg bisher ja erleichtert...



    Noch einige Male wummert 's präzise und majestätisch; dann geruht auch, heut' siegreich, die Monarchie zu schweigen.



    Ein aufatmendes Raunen huscht tour-retour die Kompaniereihen durch. Den Staub schmecke ich nun wieder eindringlich, metallisch, nicht mehr feindselig. Mathilde bockt nicht mehr; es glätten sich ihre Nüstern; sie tänzelt wieder anmutig.



    Der Abend ist fast da.



    Meine Linke wühlt sich zerstreut und zärtlich in die Mähne der Stute; die Hoden klopfend jetzt dumpfer, das Herz hingegen hämmernd wie wild; ich weiß nicht woher. Kroatische sehnsüchtige Weisen steigen abermals flüsternd, getragen, dann lauter werdend, vor mir auf; erbärmlich furze ich in einem fort.



    Oberlehrer Weissmüller sehe ich aus der Vorhut auf mich zu zurück-traben. Seine Sophie ist Mathildes feste Freundin, und auch dies ein fescher, heller Lichtblick in diesem Krieg. Er dagegen, groß und hager, ist der geborene Leutnant der Finsternis, sein eigenes Licht hat er in Graz zurücklassen müssen; sein flackerndes Licht waren die für die Gute Sache regelmäßig zu flagellierenden Gesäße der Schüler und das kalte Chorgestühl der Herz-Jesu-Kirche, im standhaften Cantus firmus der Immerdar-Getreuen und -Gefestigten Sonntag für Sonntag satt vibrierend sich steigernd.


    Nun jedoch versteht er die Obrigkeit und die Welt nicht mehr, schüttelt immerfort den Kopf über seine seltsame Versetzung; in seiner düsteren Miene trägt er verbissen den stummen bitteren Vorwurf bis in die letzten Winkel der Ukraine. Auf Weissmüller ist aufrechter Verlaß. Mit ihm kann ich ja rechnen.


    „Herr Hauptmann erlauben zu melden! Regimentsfremde Havarie einhundertundvierzig Meter vor Vorhut-Vorauspatrouille; Zweiachser, Deichsel- und Radbruch. Liegt auf Kompaniestrecke auf; zwei Rindviecher, drei Weiber, ein Balg, ein Feuer. Viecher krank, Kind krank, Weiber wohlauf, Feuer desgleichen!“


    Der Vormarsch ist mir derweil, weiß G*tt, recht egal; weh tut mir nun alles; ich kann einfach nicht mehr. Es ist ohnehin alles Kacke; es stirbt morsch um uns herum die Monarchie, nur weiß sie es noch nicht; es ihr lautstark ausrichten darf man noch nicht.


    „Oberleutnant, wir machen Halt zum Biwakieren! Route freihalten; Zentralpunkt Zweiachser; gewohnte Abstände; Offiziersfeuer zum vorhandenen dazu; Abläufe, Vorkehrungen wie üblich; links von Route Scheißfurche, betone sehr, zur Windrichtung hin; der Ruthene soll schauen nach Kind und Rindvieh; in zehn Minuten an Sie Kompanieübergabe, Biwak-Meldung an Bataillon in fünfzig Minuten. Oberleutnant dürfen abtreten!“



    Überlaute Geschäftigkeit, Order, Getrappel, Durcheinander, Männerdunst, einsetzendes allgemeines Wohlbefinden, Sprachbabylon...



    Graz Dracula übernimmt, stellt Wachen auf. In der Nähe des Feuers unübersehbar aufgerichtet, scheint er vorzuhaben, mit gezücktem Säbel die Gerechten von den Ungerechten zu scheiden.


    Im Hintergrund stürmt Pawlak wild umher, flucht auf Böhmisch, treibt unermüdlich mit zwei ungarischen Korporalen die unzähligen Scheißwilligen in die richtige Richtung, auf den amtlichen Zerberus des k.u.k. Feldkotes zu, Zugführer Cosulich.

    Ich erblicke Danilo, wie er die beiden Stuten, ihnen Liebkosungen zu-tuschelnd, zu den anderen sechs Gäulen führt.




    Der Abendanbruch ist mir Zeit meines Lebens auch Reminiszenz von Kindheitsgerüchen, von Familienleben, von Erinnerungen an die auf der hell ausgeleuchteten Tischmitte bald dampfend aufgewärmte Suppe...


    Jetzt fasse ich noch kaum, daß ich auf meinen eigenen Beinen stehen soll; die Stiefel knicken mir weg; die Knie sind mir schwammig, das Testikelgehänge nunmehr angeschwollen, das Herz in grausamem Aufruhr.


    Aufkommenden Brisen-Hauch versuche ich fest anzuschnuppern, befreie mich von Koppel und Käppi, lasse mich vom Erweichen der Farben und dem Stimmengewirr tief einlullen und trösten...

    Und trösten…



    In fallender Thermik wißbegieriger brauner Bussard auf uns zu.



    Danilo kehrt zurück, nimmt mir knapp und gekonnt das hinderliche „Hauptmannsgeschirr“ ab, wie er es belächelt in den vertrauten Momenten; reicht mir ein warmes feuchtes lavendel-duftendes Tuch; mein Henkelglas mit dem heiß-gemachten Slibowitz dann noch dazu.


    Er steht, zugewandt, neben mir; überragt mich bei weitem. Und für den winzigen Augenblick lächelt er mir verstohlen aufmunternd zu.


    Wuchtig überkommt der Geruch mich wieder des verlorenen Meeres dabei, des Salzes, der würzigen bitteren adriatischen Luft, läßt mich erschaudern, vermischt sich mit des Jungmannes damaligem Schweiß. Ich spüre unwillig in den Lenden Bewegung und einen Kloß in dem Hals; sehe vor mir vortasten seine jüngere leichtere Hand, meine Warzen neckend liebkosend; muß mit Gewalt aus vergangener Adria in die trostlose Etappe mich herausreißen, gänzlich erschüttert, leicht zitternd, erschöpft und gänzlich beklommen.


    Inzwischen dämpfen sich ab die Folgetöne aus dem Haltebefehl.


    Wie in Prozession entfernen sich gravitätisch Gefolge und Dracula, entschwinden hinter den Karren. Meine Augen jetzt brennen und tränen zuhauf; noch einmal, sorgfältig, wisch' ich mir mehrmals ab das Gesicht, reiche sanft Danilo das Tuch in die Hand zurück, verabschiede ihn dankbar zuzwinkernd, wanke wenige versuchende Schritte auf das Feuer zu.


    Mehr als ich es erblicke, errieche ich dahinter auch das Vieh: Wie Moorgas, übel durchdringend. Schlechtes Omen heute für sie.



    Abermals erspähe ich den langsamen Segler; tief über uns; zieht weit seine Kreise, beobachtet.



    Mein Herz steigert den Aufruhr.

    Ich spüre die Angst.



    Ich wende mein' Augen vom Bussard denn ab; muster' nur noch das Feuer, die Menschen um 's herum; recht lange, verwirrt, während in meinen Sinnen die Lautkulisse erstirbt...


    Das Feuer flammt auf.


    Swoboda, unser Fouragier, studiert aufrecht sein gelingendes Werk; zwischen Feuerstelle und Karren auf einem Schemel hockend eine Bäuerin, abgezehrt, entrückt, altersdösig.


    Halbrechts, hinter der Feuerstelle ein sehr junges Mädel auf einigen Bündeln starr lauernd.


    Und noch ein graues Bündel trägt sie reglos schwer in den Armen; ukrainische Madonna, illuminierter Holzschnitt mit anbetendem k.u.k Abendland-Magier mit Käppi: Mirko hält nämlich mit der Linken seine Sani-Tasche gestreckt hin, hält wie segnend seine Rechte über das Kind, scheint lautlos zu sprechen ruthenischen Zauber, für immer und ewig so fest-gebannt. Karmesin und bläulich läßt das Feuer die Farben des Holzschnitts aufleben, aufflackern, aufblitzen; in dessen Farben explodierend Noemi, die Zionistin, mit dem kleinen Irdam im Arm; Noemi und ich ein Jahr davor unter dem Spalier schwungvoll erhobener Säbel; Noemi mich übermütig reitend beglückt; Noemi, die Zionistin, und Irdam vierjährig von Triest an dem Bahnhof; während der Dampfzug mich für immer entreißt und zerreißt; karmesin und bläulich die Farben; mich aufzehrend das Feuer; wie das Feuer des Tals Ben Hinom.


    Schräg nach rechts, einige Schritte vor mir, lehnt gelöst an Säcken, Bündeln und Decken eine großgewachsene Frau. Sie mutet mich Mitte Zwanzig an, vielleicht ein oder zwei Jahre darüber; die Gesichtszüge ausdrucksstark, neugierig; die Augen wachsam, halb geschlossen gehalten. Sie wirkt unbefangen, ungeniert; betrachtet mich jetzt ruhig, womöglich wohlwollend; un-eingeschüchtert.


    Ich stolper' auf sie zu.


    Kurz vor ihr bleibe ich stehen, beobachte scheu ihre Züge; nicke dann knapp noch ihr zu.



    Sie blickt unverwandt zurück. Blaues Wasser, tief.


    Mir ist, als ob das Feuer nun rötlich-orange flackernd mit magischer Wucht uns bann-strahlen würde; auf immer zeitlos schwebte über uns der stille Segler; mir schwindelt es an und schmerzt es; meinen Blick halte ich nur mühsam aufrecht.


    Sie löst nun mit Geste ihr Kopftuch gelassener; wirft dann nur leicht zurück ihren Kopf. Ihre Haare sind kurz, stoppelblond; ihre rechte Hand an dem Tuch befreit von granat-dunkler Brosche den Kragen; die Bluse sich öffnet ein'n Spalt. Weich und leicht errötet zeigen sich ihre Kehle, ihre Drosselgrube; darunter aus Gelbguß das ukrainische Dreibalkenkreuz.


    Sie erscheint nahe.


    Mir nahe.


    Sie erscheint ferne.


    Mir ferne.


    Das Fremde.


    Die Fremde.


    Das Ferne.


    So nah.



    Das ist sie.


    Die raubende Ferne.


    Zwischen uns der Schleier.


    Von Ferne und Fremde.



    Und wiederum nicht...



    Sie atmet entspannt; strahlt Kraft, Stolz und Ausdauer aus. Einfache Bauersfrau. Fremde Kostbarkeit; schlicht, auserlesen, selbst-vertrauend.



    Ihre Augen auf mich.



    Im Fluß bewegt sich mein Arm auf sie zu, ich reiche ihr über mein Glas. Sie nimmt es spontan mit der Rechten; staunt über die Wärme des Kristalls, über die Feinheit des Wappens; flehmt katzenartig den Zwetschgenduft lange sich an; nippt vorsichtig daran.


    Hastlos und achtsam sondiert sie meine Stille, mein Gesicht, meine Haltung. Recht lange. Trinkt aus.


    Nickt mir verhalten zu.


    Gebrochener Stimme flüster‘ ich zu: „L’chaim!“; wiederhole dann fester, kehlig und lauter: „L'chaim!“


    Und sie horcht dem so, als ob sie etwas Verborgenes wiedererkennen würde, ein sehr schwaches Zeichen, etwas Vertrautes und Sehr-Fernes.


    In ihren Augen blitzt ein Lächeln kurz auf;


    noch einmal nickt sie mir zu.



    Zunächst noch wie zögernd, dann kräftig und böig regt sich von West-Südwesten der Wind.


    Staub wirbelt elektrisch, verzaubert, auf.



    Als ob er sich satt aus-gelauert hätte, erhebt sich jäh der Räuber in die Höhe mit der aufsteigenden Thermik; unterstützt den Sog mit kräftigem Schlag, gerät rasch höher und höher, wird flugs zu einem winzigen schwarzen davon eilender Punkt.


    Von dort oben erstreckt sich von Horizont zu Horizont die verdorrte Ebene im mild ab-dämmernden Augustlicht über viele Tagesmärsche; winzige Staubwolken am Boden, mühselig unmerklich gegen Zeit und Raum und Raum und Raum und Zeit an-robbend, markieren in der Weite von „u krajna“, des „Landes der Grenze“, die noch weiter marschierenden Kompanien, welche dünne, sich zum Teil überkreuzende Silberfäden hinter sich scheinen zu ziehen; ephemere Pisten in die Versteppung der Flure; kalligraphisches filigranes Abschlußwerk des k.u.k. Infanterieregiments Nr. 20 auf seinem letzten Ausfall gegen die an-brandende Entropie; im verzweifelten Versuch, den Belagerer, den morbiden Belagerer endlich, endlich, endlich zu stellen und für immer zu schlagen; weiter, weiter, weiter, über die sich doch bald in panischer Auflösung befindlichen russischen Linien hinaus; weiter, weiter, über die schon jetzt teilweise in den ersten Untergangswirren des Sklavenreiches auflodernden ukrainischen Weiler; weiter, weiter, über den Horizont hinaus; weiter, weiter, über die Grenzlandtore; weiter, weiter, zu den Toren des Hades; weiter, weiter, hochgestreckt voran die Etendarte von Austerlitz; und die Kommandeure von Novara, von Solferino, von Magenta, von Königgrätz reiten alle mit an der Spitze; die toten Regimentsveteranen marschieren unverdrossen zu Tausenden mit, schreien unhörbar „Hurra!“ und „Habsburg, Habsburg!“; vor ihnen achtungsgebietend vor-schreitend die Oberstabswachtmeister in voller Montur mit den langen stolz aufgeschulterteten Kommandopiken; die Tschinellen, die Trommeln, die Pfeifen halten den Schritt; trotzig bereit, zu jenem erlösenden letzten Gefecht hell und aufbegehrend den wendischen Regimentsmarsch erklingen zu lassen; weiter, weiter, in gestrecktem Zug gegen den nicht aufzustöbernden Feind; weiter, weiter, in den nicht mehr auf-haltbaren Untergang; Tote und Lebende zusammengeschweißt, Geisterarmee in den Wind der Veränderung; jede Meile im Gewoge der Steppe ein Abgesang, Abschied, Verlust; mähliches Auf-Dämmern neuer, unvergessbarer, ferner, künftiger schrecklichster Greuel und Grauen.



    Reitend über den Winden, zeiten-enthoben leise der Bussard; und dort in koscherer Stille wie die Präsenz des Anderen, des gütigen Todes und Wollens;


    der stillenden Shekinah Gegenwartshauch.


    Arg Schauder gen Turbulenzen wie Weltzeiten danach; Abwinde schichten sich um; Böen formen sich neu;


    die Thermik bricht jählings zusammen.


    Der Räuber schließt selbstvergessen seine Flügel, wirft sich in atem-stockendem Fall auf das Biwak zu, erfährt sich als Rausch, Wucht und Rasanz; Geschoß ohne Beute, ohne Ziel; ganz Sturz, ganz Gefahr und brutal.


    Und jäh fängt er sich abrupt über dem Boden auf, schwingt sich in heftige Kreise über das Lager,


    schleudert gellendst ein Schrei, langgezogen, schmerzhaft; eine Klage, die vergrabene Erinnerungen erweckt; geraubte Gefühle anbahnt.



    Pfeilgerade entfliegt der Vogel nach Westen.



    Hauptmann Pardo zittert.



    Kalter, heftiger Schweiß.


    Erregung.



    Bedrohlich stechend und ziehend die Brust, betörend.


    Betörend der silberne Staub.


    Und aus fernster Kindheit das Sehnen.


    Zuhause sein.


    Bei sich selbst zuhause sein.


    In Zion sein.


    In sich selber.


    Zuhause.


    Die Fremde,


    so nah,


    blickt ihn an,


    wird ihn jetzt führen.



    Hauptmann Pardo läßt den Rock von seinen Schultern abgleiten, sackt peu à peu aufs linke Knie, die Hand am Boden ihn stützend, beinah das umgekippte kräftig duftende Regimentsglas berührend.



    Befreit, fast aufatmend, ganz sachte schiebt er das andere Bein der Länge nach zu der Seite; sitzt dann unbeholfen, angstfrei wie schon lange nicht mehr, der unbekannten Sarai leicht seitlich zuneigend,


    schaut sie an,


    offen,


    schutzlos ruhig,


    bereit.


    Behutsam und fest ergreift Sarai s'in Handgelenk. Sie zieht den Mann kräftig zu sich, wie umin dessen Augen tiefst einzutauchen;


    über ihn für alle Zeiten Gewißheit.



    Mit klarer Bestimmtheit.



    Gefesselt befreit


    starrt Pardo indes


    ihr's Handgelenks zartesten Flaum,


    leicht goldschimmernden Flaum,


    Schleier und Grenze,


    Grenze und Schleier,


    zwischen Abbild und Geist, Welle und Materie, sein Durchbruch in andere Welt,


    für immer sein Kadesch.




    An der Grenze sein Kadesch für immer.




    Das gütige kindliche versöhnliche Sterben.

    Meine smarte, die kommenden Zeitalter bescheiden vorwegnehmende Signatur befindet sich noch in ihrem Herstellungsprozeß. Im 1. Quartal 2034 dürfte mit ihrer Lieferung zu rechnen sein.

    Vorläufig zitiere ich Karl Kraus: „Wer jetzt übertreibt, kann leicht in den Verdacht kommen, die Wahrheit zu sagen.“

    Dazu meint Pepino: Cogito, ergo schnurr'.


  • So!


    Elisabetha, nun hast Du es...


    Ansonsten will ich meine Texte aber nicht offenbaren. Das ist jetzt die einmalige Ausnahme gewesen...


    Die Protagonistengestalt bildet meinen Großvater nach. Das beiläufig erwähnte Kind namens Irdam ist mein Vater.



    Die Kühle der Nacht ist dahin. Erschöpft lege ich mich in mein Bettchen.


    (Ich habe beim Lesen gegen Ende zunehmend geweint. Und dennoch: Ja, auch nach Versöhnung fandet schmerzhaft dieser "Grenzballade"-Text...)

    Meine smarte, die kommenden Zeitalter bescheiden vorwegnehmende Signatur befindet sich noch in ihrem Herstellungsprozeß. Im 1. Quartal 2034 dürfte mit ihrer Lieferung zu rechnen sein.

    Vorläufig zitiere ich Karl Kraus: „Wer jetzt übertreibt, kann leicht in den Verdacht kommen, die Wahrheit zu sagen.“

    Dazu meint Pepino: Cogito, ergo schnurr'.


  • ...also ich weiß ja nicht, WAS Du so rauchst - aber entweder ist es zu stark, oder Du nimmst zu viel davon... 8):lol::lol::lol:

    :*


    Rabe

    Computer setzen logisches Denken fort!
    Unlogisches auch....

  • Abifiz ich meinte eingentlich eher welche Bücher du schon geschrieben hast, aber ist lieb von dir, dass du deinen Text mit uns teilst. Nun wortgewandt bist du ja....das wissen wir ja :) . Ich weiß nicht in welches Genre es fällt..irgendwie Kunst ..ist aber zugleich nicht einfach zu lesen wie ich finde. Deine Kreatität sieht oder "riecht" man ;)

  • ...also ich weiß ja nicht, WAS Du so rauchst - aber entweder ist es zu stark, oder Du nimmst zu viel davon... 8):lol::lol::lol:

    :*


    Rabe

    Finde ich eigentlich nicht, einiges ist sehr tiefgründig, man muss es allerdings auch lesen und nicht nur überfliegen. Für meinen Geschmack zu sehr aufs Ende ausgelegt, statt den Rest mit Freude zu füllen. Aber urteile nie über einen anderen, bevor du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist.

    Mit freundlichen Grüßen
    Michi

  • Finde ich eigentlich nicht, einiges ist sehr tiefgründig, man muss es allerdings auch lesen und nicht nur überfliegen. Für meinen Geschmack zu sehr aufs Ende ausgelegt, statt den Rest mit Freude zu füllen. Aber urteile nie über einen anderen, bevor du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist.

    Er hat da schon ein gewisses schreiberisches Können wie ich finde. Ich denke dem einen gefällt es, dem andere nicht. Aber so oder so kann er was. Ist halt auch Geschmackssache.

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